Samstag, 16. September 2006

Stufen und Wanderdüne


Von diesem Holzweg stiess mich meine damalige Ehefrau vor siebenundzwanzig Monaten die fünf Zentimeter in den heissen Sand und aus unserem Leben. Erst jetzt, nachdem ich die Wanderdüne gefressen habe, sehe ich die Stufen, auf denen es weiter geht.
Dafür danke ich ihr heute.
Danke Regine.


Hermann Hesse

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Eine Frau erzählt ihren Tod


Das Ende einer Reise - STOCKHOLM 1

Es gilt nun, von mehr als nur einer Reise nach Scandinavien zu berichten, obwohl diese eindrucksvoll genug war. Wer mir jetzt ins Wort fallen möchte, da in Schweden ja letztlich auch alles Scheisse sei, wie die Freundin sagt, die dort lebt, den bitte ich, den Blog hier zu vergessen, mich zu lassen und weiter mit dem Spiegel zu reden. So dumm kam mir selten jemand. Sorry.

Meine Reise begann vor siebenundzwanzig Monaten und sollte von einem Blog begleitet werden, der so nie entstand. Schade eigentlich. Am Anfang meiner Götzenbilder ist einiges dazu gesagt. Auch finden sich hier Texte, die anstatt des Blogs in den letzten zwei Jahren entstanden sind.

Recht deftig, deutlich und vor allem irreversibel hatte mich die Frau von der ich nun (noch nicht rechtskräftig) geschieden bin, auf diese Reise geschickt. Und in den letzten Wochen wurde mir im Rahmen diverser Erschütterungen und Beben klar, dass sie nun zu Ende geht.

Ich musste mich selbst verlassen um zu mir zu kommen.

Ganz im Sinne Hesses eine neue Stufe erklimmen, schmerzvoll. Noch kann ich nicht fassen, dass es gelungen zu sein scheint. In den nächsten Posts hier werde ich das darzustellen versuchen.

Dreh und Angelpunkt der Veränderungen sind die "Sterben lernen" Texte. Nach der traumatischen Trennung von der Frau die ich "die Liebe meines Lebens" nannte, einer neurotischen Psychoschlägerei mit eben dieser, um sie sicher loszuwerden (was freilich nicht gelang), traf ich ein Psychologenpaar, welches sich in einer sehr langen Sitzung meiner annahm. Allein diese Nacht ist eine Geschichte wert, die geschrieben werden wird. Die beiden eröffneten mir am Ende, das ich a.) meine Frau sterben lassen muss und b.) mich selbst. Psychologisch sterben lassen, um dann, wie ich heute erst weiss, neu geboren zu werden.

Die Wehen haben begonnen. Dank hier an E., von der ich das Bild des schmerzhaften Wachsens habe. Ich liebe Frauen, die sich selbst durchleiden. Schmerzhaft wachsen. Hinaus über sich selbst.

Ich musste den, den meine Frau verlassen hatte, also sterben lassen. Genau so und nicht anders erklärt sich der Text mit Sturz in die Aare, die vielen anderen Totentexte, mein Stück "Nichts - ganz für sich. Ein Totentanz." in dem frisch Verstorbene agieren. In der Wohnung der Trennung, mit Blick über den grünen Urner See, hingen Hesses Stufen aus.

Und genau diese Toten- und Sterbebilder, die es mir erlaubten, Stück für Stück einen Weg zu gehen, den ich sonst kaum ertragen hätte, führten zu einer Reihe Kontakten, von denen sich einige heute in den Links hier rechts wiederfinden. "Stirb mit mir ein Stück" heisst ein Lied von Hans Ekkard Wenzel.

Die letzten Wochen sind voll von Zeichen, wie ich es noch selten erlebte. Neu ist, dass ich sie zu deuten weiss. Sie sagen "Du!" und "Handle!". Eines der Zeichen markiert für mich das Ende meines bildhaften Sterbens. Nach all dem Wälzen im "Grab der Gefühle" (Sue Juhasz) hatte ich ein Erlebnis, welches mir ein Ende der Bilder signalisierte.

Die Frau die ihren Tod berichtet

Ich war beruflich die letzte Woche in Stockholm um dort an einem Kongress etwas zu lernen. Zu meinem Beruf, dem eines Kardiotechnikers (Perfusionisten), gehört es auch, zu versuchen, Ertrunkene an einer Herz - Lungen -Maschine zu erwärmen und wieder zum Leben zu erwecken. Ich möchte da nicht weiter ins Detail gehen, aber die Geräte, die wir bedienen, erlauben es letztlich, über eine Beeinflussung der Temperatur und des Stoffwechsels, das Herz und den Kreislauf planmässig zum Stillstand zu bringen. Wir können den klinischen Tod induzieren, aber auch wieder aufheben. Daher landen Ertrunkene an unseren Maschinen, so das Wasser kalt genug war und die Kälte die Zellen geschützt hat. Die Ergebnisse sind traurig, selten geht es gut aus.

Eine Session während des Kongress war dem Ertrinken gewidmet. Doktor Walpot aus Genf stellte sein neues Buch, sowie einige grundlegende Richtlinien und Zahlen zum Thema vor. Er sprach auch davon, dass der längste bekannte, revidierte Ertrinkungstod zwanzig Minuten in Eiswasser gewesen sei. Die gerettete Frau sei Kollegin, eine Röntgenärztin gewesen. Als nächster und schon abschliessender Vortrag, war der "Ertrinkungstod aus Patientensicht" angekündigt.
Das Mikrofon wurde an eine grosse, schöne, sehr sportliche junge Frau gegeben. Sie stellte sich als Ärztin vor. Bei so einem Kongress berichten viele Ärzte über viele Fälle, doch das Auditorium wollte seinen Ohren nicht trauen, als sich die junge Frau als DIE Ärztin aus Tromsö in Norwegen vorstellte, der dieser Unfall geschehen war. Schlagartig waren alle wach.

In sehr lockerem Ton zeigte sie zuerst auf einer Karte, wie weit im Norden ihr Arbeitsplatz lag und das er natürlich einlud, die Zeit nach dem Dienst mit Kollegen auf Ski zu verbringen. Sie zeigte Fotos von dem Gletscher, den es hinab gegangen war und auch die Stelle, an der sie die Gewalt über die Ski verloren hatte. Ihr Sturz und Flug war als schwarzer Strich auf das Bild gemalt. Aufgeschlagen war sie auf einer Art Wasserblase unter dem Eis, welches nicht hielt. Sie stürzte mit Ski und Ausrüstung in vier Grad kaltes Wasser. Ihre begleitenden Kollegen, beides Ärzte, hatte keine Chance ihr zu helfen, denn sie geriet unter die Eisdecke und verschwand. Der Versuch, ein zweites Loch zu schlagen, scheiterte, da nur eine Platikschaufel zur Verfügung stand. Die Tatsache, dass zum selben Zeitpunkt ein Rettungshubschrauber in der Luft war, kommentierte die junge Frau: An diesem Tag sei einiges gut für sie gelaufen. Da lachte das Auditorium noch über ihren Spass. Mit richtigem Material wurde ein zweites Loch geschlagen und die Verunglückte nach etwa zwanzig Minuten geborgen. Es existiert ein Foto ihrer "Leiche" in welches sie nun während des Vortrages ihre Vitalwerte einblendetete, die das nicht mehr waren.
Keine Atmung, kein Puls, kein Blutdruck, weite, lichtstarre Pupillen, isoelektrisches EKG, Baseexzess -15, ph um die 6.3, pco2 höher 70 mm hg, nur das Kalium war mit 4.3 mmol/l "not so bad" wie die Schöne lachend fand. Auch hier lachte das Auditorium mit. Dann folgte die Beschreibung der guten Erstmassnahmen und des Transports. Wieder hatte sie Musse für den Joke, einen ihrer Retter zu zeigen, der sich auf die Schaufel stützte, während sie reanimert wurde. Neben ihrem Tod fand sie sein Asthma erwähnswert, welches ihn zum Verschnaufen zwang, nachdem sie aus dem Wasser befreit war.
Das nächste Foto war schon eines aus dem Spital, es war ihr nackter Körper zu sehen, der weiter reanimiert und gestochen wurde. Hier wich meine Begeisterung der Gänsehaut. Dieses Bild kennen wir alle. Aber nicht präsentiert von der Frau, die dort auf dem Schragen liegt. Als nächstes war ihr Weg in den OP zu sehen. Der Reanimierende rittlings auf ihr. Ich musste an J.J. aus Basel denken, den ich oft in dieser Pose gesehen habe. Die Schöne erwähnte verschmitzt, dass dieser Arzt bis heute ab und an auf ihr hocke, da sie ihn geheiratet habe...

Von da ab wurde ihr komplikationsreicher Verlauf dargestellt, der alles bot was unschön ist. Sie hing für fünf Tage an einer künstlichen Lunge (auch die gehört zu meinem Beruf), wurde fast vier Wochen lang beatmet, war tetraplegisch und hatte einen Hämothorax, den sie selbst auf Röntgenbildern zeigte. Natürlich mit witzigen Bemerkungen, da sie ja selbst Röntgenärztin war.

Ihre Leidensweg bis zur für uns alle sichtbaren Genesung dauerte zwei Jahre. Ihre Schlussbotschaft war simpel und klar.

"Never give up!"

Tränen schossen den hart gesottenen Zuhörern in die Augen. Dann gab es Applaus, wie ich es noch nie an einem Kongress gehört habe. Standig Ovations für die Frau, die ihren eigenen Tod erzählt hat.


Von all den Zeichen der letzten Wochen, die von blauen Mondscheinnächten bis zu Sternschnuppen und durch Schaufenster fahrende Ausflugsdampfer (Schiffen winken!!!) reichen, war diese Frau das kräftigste. Wie gelähmt war ich für Minuten.

Ich sah mit einem Male, wie gross der Unterschied zwischen unseren psychologischen Toden und dem richtigen ist. Unsere Tode wollen durchlitten sein, damit wir leben können. Und hören wir auf diese Frau, auch wenn es noch so weh tut. Geben wir nicht auf. Denn irgendwann fahren wieder Schiffe durch die Schaufenster vorbei an einer Kirchturmuhr, die dich in Nächten nicht wecken kann, in denen du wach geblieben bist.

Ich verneige mich vor dieser Frau aus Tromsö in Norwegen und vor allen, die ihre Schmerzenswege gehen. Einige sind hier nebenan zu lesen, eine kann man manchmal in Konzerten hören und eine ist einfach da.
Als Medium einer Kraft, die grösser ist als jeder Schmerz.

Zum Schluss für Interessierte: Ungefragt sagte die junge Frau, das sie keinerlei Erinnerung, auch nicht an Schmerz habe. In ihrem Fall also mal kein weisses Licht, keine Tunnel und so weiter.
Sie sagt aber auch, dass sie glaube, was andere aus dieser Situation berichten. Sie sei wohl zu rational für "so was", meinte sie. Ihr letzter Lacher. Und sie hatte mehr als nur eine Nahtoderfahrung!
Diese Frau war tot!

Leben wir wie sie.
Mutig den Tod im Auge.
Aber leben!

Freitag, 8. September 2006

Mittwoch, 6. September 2006

SCHUHSCHRANK


wenn
du weit weg bist
mir deinen schuhschrank zeigst
purzelt dein lachen
neben mich

dann
naht sie mir
und ich hab ein gewehr im mund

bist du gemein
ist sie es auch

ALL DIE JAHRE

war sie es nicht
wirst du es sein

doch
sie ist fort
und ich rieche nach waffenöl

wenn
du ganz nah bist
mir keinen schuhschrank zeigst
purzel ich lachend
über dich

Donnerstag, 31. August 2006

das trommeln eines viagraregen auf meinem sarg


habe ich mir heute von einer frau gewünscht, von der ich weiss, sie wird an ihm stehen.

dazu soll weiterhin "Under My Thumb" von den stones gespielt werden. dieser sehr einfache text des frühen jagger unterscheidet sich nur in kraft und noch gröberer schlichtheit von denen des späteren sir mick. doch nicht nur, weil er mir auf diese art sehr entspricht, hat er für mich bedeutung. zuerst gefiel mir über jahre nur die von brian jones gespielte marimba und die reine musik. schon da hörte ich dieses lied bei starts und landungen, damit es mein letztes gewesen sei. ich hörte es auch bevor ich in den simultankampf gegen beide klitschkos ging und bevor ich mich zu grace jones ins bett legte. immer wenn es das letzte lied gewesen sein könnte. das lied ist genau so alt wie ich. nur wird es bleiben.

erst viel später hörte ich davon, dass es für einen gewissen meredith hunter tatsächlich das letzte lied gewesen war. mit achtzehn jahren in altamont.

und noch später begriff ich, dass der song programm für mich ist, wie mein name auch.
es ist nur vordergründig chauvinistisch und handelt vom machtspiel zwischen mann und frau.

machtspiele sind schön und nötig
machtverhältnisse nicht
machtspiele verhindern sie
und helfen lieben leben

das ist einer meiner kerne. und heute ein tag um so etwas aufzuschreiben.


ladies and gentleman

w´re proud to present you the greatest rock`n roll band on this poor site:

the rolling stones


Under my thumb
The girl who once had me down
Under my thumb
The girl who once pushed me around

Its down to me
The difference in the clothes she wears
Down to me, the change has come,
Shes under my thumb

Aint it the truth babe?

Under my thumb
The squirmin dog whos just had her day
Under my thumb
A girl who has just changed her ways

Its down to me, yes it is
The way she does just what shes told
Down to me, the change has come
Shes under my thumb
Ah, ah, say its alright

Under my thumb
A siamese cat of a girl
Under my thumb
Shes the sweetest, hmmm, pet in the world

Its down to me
The way she talks when shes spoken to
Down to me, the change has come,
Shes under my thumb
Ah, take it easy babe
Yeah

Its down to me, oh yeah
The way she talks when shes spoken to
Down to me, the change has come,
Shes under my thumb
Yeah, it feels alright

Under my thumb
Her eyes are just kept to herself
Under my thumb, well i
I can still look at someone else

Its down to me, oh thats what
I said
The way she talks when shes spoken to
Down to me, the change has come,
Shes under my thumb
Say, its alright.

Say its all...
Say its all...

Take it easy babe
Take it easy babe
Feels alright
Take it, take it easy babe

Mittwoch, 30. August 2006



träume werden manchmal wahr
auch traurige



erich kästner
sachliche romanze

ich kenne dieses wundertraurige gedicht wie die meisten wahrscheinlich durch van veen und mag es seit vielen, vielen jahren. ich konnte mir nie vorstellen, jemals die reife zu besitzen, so etwas auf diese art zu erleben. vielleicht bin ich so gern in hamburg, weil man dort schiffen winken kann.

reifer bin ich wohl nicht, aber älter. es waren keine schiffe, sondern die engen gassen altdorfs im regen, der mehr zeichen heran spülte, als je an einen flaggenmast passen würden.

ich bin glücklich, erschüttert und dankbar, dass ich so etwas ähnliches heute erleben durfte.
es war ...eben: wundertraurig





Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wussten nicht weiter.
Da weinte sie schliesslich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagt, es wäre schon Viertel nach vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend sassen sie immer noch dort.
Sie sassen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Erich Kästner

Dienstag, 29. August 2006

Weisse Segel leben

War er am Mittelmeer genauso auf Null wie an der Ostsee? Und welche Folgen hatte das für die sardischen Eier, denen er beim Kochen zusah?
Noch stand die Sonne hinterm Haus und die letzten Winde des Nachtmeers wehten ihm um die Brust. Sein schattiges Spiegelbild im offenen Fenster gefiel ihm;
nicht nur Frauen werden schöner durch die Liebe.

Sie hörte dem Rollen nach, dem Grollen des Meeres weit unter ihr im Fels. Irgendwann hatte sie gemerkt, dass es immer da war, nur hörte man es im Brechen der Brandung oft nicht. Die aufgeregte See hatte sich gelegt und sie musste den Kopf nicht heben, um zu wissen, das Meer lag jetzt gold funkelnd fast still und plätscherte blinkend die wilde Nacht aus. Nur in den ausgewaschenen Grotten unter ihr war der Sturm noch zu spüren. Dort schien die wilde Mondnacht festgehalten, als leiser Nachhall eines Traums.
In ihr schwang nichts nach, nichts hatte sie erregt, das jetzt abebben könnte und auch das tiefe Grollen aus den Felsengrotten unter ihr drang nicht in sie. Sie fühlte sich kalt, glatt und fremd wie ein Stein aus einem Gebirge, dessen Wasser nicht einmal in dieses Meer flossen. Soweit funktionierte ihre Ehe und Liebe noch, Er konnte Sie zwar nicht mehr entzünden, aber anstecken. Sein Feuer war an sich selbst züngelnd erloschen, ihr aber hatte Er Kälte in den Körper gepumpt. Nun lag Sie in diesem fremden Bett, die Schenkel gespreizt, wartend, das auch sein letzter Tropfen aus ihr lief und wusste, Er hatte Sie zu seinesgleichen, zu Stein gemacht.
Sein stöhnender Drang nach Leben liess Sie langsam sterben.
Früher und das war noch gar nicht solange her, mochte Sie die heftige Art, mit der Er über Sie kam. Heute kam Er immer noch so, nur die Momente davor hatten sich verändert. Noch immer konnte Er alle Worte für ihre Sehnsucht finden, doch mittlerweile wusste Sie, Er lebte fest in seinen Projekten und sprach nur von den Grenzverletzungen, die Sie zu leben versuchte.
Sie war wie Ausland für ihn, immer ein Stück Ferien in der Nähe.
Leider hatte Sie gelernt, ihm vorzumachen, was Er spüren wollte. Je heftiger Sie antwortete, umso schneller war alles vorbei. In letzter Zeit hatte sie diese Lüge sogar erregen können.


2
Breit und braun löffelte Er vor ihr sein Ei. Sie bestätigte, wie genial Er die veränderte Kochzeit auf fünfzig Meter über dem Meer berechnet hatte. Dann war Er wieder bei seinen Zielen, die Er mit verkniffenem Blick am Horizont suchte. Sie hatte keine Ahnung mehr, wo Er war, doch sie spürte, bei ihr nicht. Jetzt, wo immer noch sein kalter Saft an ihren Schenkeln klebte.

Ihre Worte mussten am Herz vorbei, das hoch im Hals zu schlagen schien.
Ich glaube, ich gehe heute hinunter zu Franco und mache ein paar Segelstunden mit ihm ab. Sagte Sie und beobachtete wie die Steilfalte auf seiner Stirn wuchs und sich wieder ebnete, bevor Er den Blick vom Sonnenmeer nahm und verwundert auf Sie richtete. Wusste Er nicht, jede seiner Erwiderungen würde ihren Entschluss nur immer fester machen? Er wusste es. Ich kann Dich verstehen, sagte er lächelnd, als sei Sie ein Kunde. Ein weisses Segel weit weg auf dem Meer. Immer weiter weg, bis du nicht mehr weißt, wohin das Boot fährt und es der Horizont schluckt.
Du verschwindest und wirst gleichzeitig neu geboren, da die Welt und alles in ihr, auch das Leben eben, rund ist. Neu ersteigst du dem Meer, für den der auf der anderen Seite des Horizonts steht. Ein schönes Bild für die Sehnsucht in uns. Verschwinden um neu aufzutauchen, sterben um neu zu leben.
Will Weisse Segel sehen, will weisse Segel leben!
Aber denke an unsere Gespräche der letzten Abende. Segel in der Ferne sehen ist das Eine, selber segeln etwas ganz anderes. Die Sehnsucht geht kaputt, wenn du sie dir erfüllst. Du nimmst dir das Bild. Aber mach, du bist eine freie Frau.
Wie wahr, dachte Sie. Vielleicht würde Sie sich nach ihm sehnen, wenn sie das Haus auf der Klippe vom Meer aus erkannte. Sie glaubte es nicht, wollte den Versuch aber unbedingt wagen, denn es ging nicht um die Sehnsucht nach ihrem Mann.

Weisse Segel leben, das war aus einem Lied, von einem, der sonst viel von Inseln sang. Einst hatte Sie diesen Mann, der sie jetzt langsam neben sich sterben liess, als Insel verstanden, später zumindest die Beziehung zu ihm. Bald wusste sie nicht mehr, ob sie ihn brauchte weil sie ihn liebte oder ihn liebte weil sie ihn brauchte. Ihr Leben war ein Film, dessen vorhersehbares Drehbuch Er schrieb. Ein Film von einer Insel auf der es alles gab, ausser Boote. Sie beide sollten sich gegenseitig und ausschliesslich die Insel sein, im feindlichen Meer der menschlichen Dumm- und Dumpfheit. Sie sollten sich halten, heben, tragen, gegenseitig der Boden sein, auf dem ihre Geschichte passierte. Sie wusste, dass Sand war, worauf sie standen. Irgendwann ihre letzte Hoffnung. Jeder Wind blies die Insel Korn für Korn ins Meer zurück. Auch das war nur ein Drama und jeder hatte seine Rolle, doch tat es ihr gut, den Rest des Untergangs nun selbst zu inszenieren.

Sie hatte den Schutz nicht gesucht, als sie bei ihren Exkursionen durchs Meer fast aus Versehen in seine Retterarme schwamm. Sie war so frei und das nach allen Seiten. Gerade die Tiefe fehlte ihr draussen in der hellen Welt. Doch erspähte Sie ihr Mann, in einem Moment, wo ihr, auftauchend aus dem Weit Unten, ein wenig schwindelig war. Da hielt Er Sie und trug Sie mit geübter Hand nach oben. Und es war schön, von starken Armen gerettet zu werden und so erfuhr Er nie, dass diese Rettung unnötig gewesen war. Sie hatte im Meer die Orientierung verloren, na und?
Die Angst davor hatte Er!
Auch als sie aufgetaucht waren, hatte er den harten Griff um ihre Brust lange nicht lösen mögen und redete Schaum und Gischt, bis Sie sicher war, gerettet in einem Sturm zu sein. Müde und wohlig streckte Sie sich aus, auf dieser Insel, die Er scheinbar aus der Tasche seiner albernen Badehose hatte rieseln lassen. Und als Sie benommen den Halt der kleinen Insel im Rücken genoss und für einen Moment einfach nur lag und war, hatte Er begonnen Sie langsam festzunageln. Doch seine Stösse drückten Sie nur in den warmen Sand, der angeblich sie selber waren.
Darüber sprach Sie später mit dem Mond, der tief und gross über dem Meer stand.
Er war am retten, auffangen, festmachen, von Anfang an, rettete mit ihr vor allem nur sich selbst, während Sie die Tiefe des Meeres und die Weite des Alls in sich trug und suchte.

Wir haben uns nie wirklich verstanden, dachte Sie und sah traurig auf ihren Mann, der ob der Aussicht eines freien Tages glücklich in der Sonne sass. Und immer dieses Schlingellächeln, der kleine Goldjunge, dem man doch nicht wirklich etwas übel nehmen konnte. Manchmal kam Sie sich vor wie seine Mutter, dann hasste Sie ihn. Er konnte nicht teilen, wollte besitzen, hungerte nach Liebe und war nicht in der Lage welche zu geben. Weil Er keine hatte. Prüfend sah Sie ihm auf den Bartschatten. Würde dieser Mann begreifen können, keine Insel zu sein? Würde Er tatsächlich ersaufen, oder machte Er ihr das vor, damit Sie blieb? Sie würde es testen müssen. Und wenn du nicht schwimmst, dann bist du tot!
Sie gönnte ihm den entspannten Blick in die Ferne der See, bald würde Er dort um sein Leben strampeln.
3

Franco der Segellehrer, Fischverkäufer, Hafenwächter, Waldfeger, Franco der kleine Drahtmann mit den Glutaugen musste nur wenig Segel setzen, damit sie rasch aufs Meer kamen und mit geschickten Seemannshänden löste er die paar Knoten, um Sie zu öffnen. Franco war der Sturm und sein Meister in einem. Und auch noch Kapitän. Sie selbst war wie ein Segel in seinen harten Händen und liess sich in den Wind drehen. Frei und leicht flog er über Sie, wie sein Boot übers Meer, kein Vergleich zum Hämmern, mit dem ihr Mann Sie befestigen wollte. Die Kurse waren ausgiebig von diesem Tage an und ihrem Mann fiel nicht auf, dass Sie weder Segeln noch Italienisch lernte. Doch auch ihr Strahlen sah er nicht, denn das Grollen des Meeres war aus den Kavernen der Felsen nun doch in ihren Bauch vorgedrungen und hielt sich dort bei Tag und Nacht. Wie der Stein einen Ton des Meeres in sich behielt, als ewige Erinnerung an seine Kraft, behielt auch sie Francos Energie und Schönheit in sich wie eine leise Gebetstrommel. Ob sie sich je wieder sehen würden oder nicht, dieser Mann würde so lange in ihr rumoren, bis Sie wieder eins mit ihm oder dann doch mit der See geworden wäre. Dachte Sie an Franco, hatte Sie auch vor dem Sterben keine Angst mehr, denn er war das Leben und eigentlich fürchtet man sich ja vor dem. Sie würde ihn nicht brauchen, Er hatte ihr nur gezeigt, wie man von dieser Insel wieder wegkommt. Segeln würde Sie alleine können, segeln oder sterben. Doch besser so, als angepflockt auf einem Haufen Sand.

4
Rasch schob sich die Fähre aus dem abendlichen Hafen. Die braungebrannten Mitteleuropäer sahen den gewagten Manövern im engen Becken zu, bestaunten laut den Sonnuntergang hinter der Costa Smeralda, fütterten Möwen, die sie gleichzeitig zu filmen versuchten oder waren einfach traurig, die Insel ihrer aller Träume hinter sich lassen zu müssen. Ihr Mann stand auf einer Mittelbrücke und sah hinunter zu den ordentlich geparkten Wohnmobilen. Was schaut er an, fragte sie sich, diese fahrbaren Gartenlauben, die alten Camper oder die Kinder, die dazwischen herum wuseln? Campingtische waren aufgeklappt, Weissbier wurde kunstvoll eingeschenkt, Windeln gewechselt, ein Baby gestillt und gleichzeitig der Papi bei Laune gehalten. Auch wenn sie mit ihrer peinlichen Limousine hier waren, schien ihr Mann gefallen an diesem Leben zu finden. Aber Sie hatte kein Interesse mehr herauszufinden, ob es die Menschen oder die Maschinen waren, die ihren Ehemann gefielen. Oder sah Er doch den Kindern zu? Das war jetzt egal.
Denn in ihr grollte und rollte der Abschiedssturm. Wie Wassertropfen wenn man auftaucht, fiel Franco von ihr ab und sie wusste, dass Sie es jetzt geschehen lassen musste. Das Halten ist der Tod, nicht der Schmerz, der Sie in die schlampig gepinselten Ecken des Schiffes zu drücken schien. Es ist besser, sich im Meer zu bewegen, als immer nur auf einer Insel zu stehen und es zu bewundern. Auch wenn man dabei sterben kann. Und sie war nah dran, denn was Sie vor sich im Wasser sah, krampfte alles in ihr zusammen, liess sie an einer Schiffsleiter halt suchen und sich kurz drauf in hohem Bogen über die Reling übergeben. Was ist denn mit Dir los?, eilte ihr Mann herbei. Sie hatte Mühe, den nächsten Schwall nicht in sein Gesicht zu spucken. Erst als Sie leer war und Er Sie mit seinem alten Rettungsgriff unter den Armen hielt, wagte Sie wieder, nach vorn zu sehen. Tatsächlich kreuzte ein kleines Segelboot den Kurs der Fähre, die sich den Weg frei hornte. Sie kannte das Boot genau, auf dem hatte Sie gelernt, auch ihre Insel verlassen zu können. Franco stand breitbeinig und fröhlich winkend, nachdem er das Segel eingeholt hatte und sie ihn überholten. Sie lächelte ein Insellächeln, als ihr Mann sagte, sieh mal, da ist dein Segellehrer und hob schwach die Hand, bevor Sie sie behutsam auf ihren Bauch legte.
Sie sah von ihrem Mann auf den Liebhaber im Boot. Ihre Freiheit wie auch ihr Halt, beides Männer. Letztlich fremde Männer. Dann legte Sie sich auch die zweite Hand auf den Bauch und wusste, genau von dort würde sie die Kraft haben, alleine weiter schwimmen zu können. Ohne Tests und Berechnungen war Sie sich ganz sicher, dort wuchs jemand heran. Und mit dem alle Kraft in ihr. Still weinte Sie dem Sarden nach und lehnte sich an den Mann, den Sie bald verlassen würde. Sie war zerrissen wie selten und erfüllt wie noch nie. Inbrünstig wünschte Sie, dass sie ihrem Kind niemals ansehen würde, wer wirklich sein Vater war.
Die Insel oder das Boot.

Sonntag, 27. August 2006

stattfinden

statt finden


die nicht suchen
finden
die nicht finden
wissen
um sich
zu retten
von nichts

statt zu finden
stattzufinden
findet nicht statt

Donnerstag, 24. August 2006

um 19 schüssen auszuweichen

um 19 schüssen auszuweichen


um zu werden was wir sind

nämlich NICHTS

lassen wir los

was wir nie berührten


DOCH

begreift

wer nicht zugreift

Freitag, 18. August 2006

haarriss - wenn ein haar reisst

du suchst am firmament
das ohne wolken hält
an weissen nägeln
im sternenmüll
nach mir

du sahst mal einen stern
in den grünen see stürzen
und folgtest seiner spur zurück
seine zeit war vergangen
woher er kam

deine sehnsucht sind die streifen
die der komet in die nacht schreibt
wenn er durch den himmel rast
deine sehnsucht bin ich
und komme auf dich zu
mit einer kraft die du nicht ahnst

dein schwerefeld wirkt
und zieht mich an
zieht mich so lang
bis ich als meteor mitten in dich schlage
du die erde ich das licht

kein stein bleibt auf dem anderen
bei dir
wenn die feuer erloschen
der rauch verzogen
liege ich am grunde deines kraters
vermischt mit deinem staub
tod und glücklich

äonen später
wenn deine atome sortiert
du wieder geordnet bist
finde ich mich in einer
deiner inneren schubladen wieder
als kleiner kalter stein
schwarz silbrig glänzend
magnetisch in der nähe deiner seele

dort wo dein herz brennt
bis die schublade lodert
ich heraus falle in dir
zu sand gerieben
zu glas geschmolzen werde
bleiglas in dir

uns wirst du zur schüssel brennen
zum gefäss das wir sind
wenn die dann bricht
wir durch ihre scherben laufen
um mit blutenden sohlen
allein nach hause zu gehen
dann werde ich wissen
wann sie ihren haarriss bekam

JETZT

Samstag, 12. August 2006

moment

eines AFFen




kleine liebe

kleiner tod

grosse aussicht

keine not

Die Frau aus Winterhimmel

Seelisberg 2005


Es gibt ein Blau mit Gelb vermischt, das wird kein Grün. Es muss ein „kein Gelb“ sein, kaum mehr als ein gebrochenes Weiss, das den Himmel unwirklich vermilcht.
Die pastellenen Wolkenfetzen und Flugzeugspuren darüber sind aus ihm und schreiben mir:

Komet- Speiseeis auf blaue Leinwand.

Aus Sehnsucht zog ich in den Horizont. Dort laufe ich die letzten Meter vom Himmel in die Erde. Steil die Strasse, tief der See. Ich bin in diesem Blau und sehe auf sein Grün, von dem ich träume. Und bin nicht der Einzige, der weiss, wie nah hier Himmel und Erde, Himmel und Hölle beieinander liegen. Getrennt nur durch einen feinen Strich, auf dem wir gehen. Der Strich durch die Welt, gefüllt mit unendlich vielen Punkten. Die Frau aus dem Tempel läuft vor mir in den Himmel. Läuft, schwebt, schwenkt sich hoch. Kaum zu unterscheiden von ihm, sie trägt seine Farben. In Wolle umstrickt ein Leib der mich kurz vorm Übertritt erinnert, Mann zu sein.
Jünger gehen selten tailliert.

Die Sekte hatte bessere Zeiten. Sagt der Gemeindspräsident.
Je älter die Jünger werden, umso kleiner werden die grossen Autos. Sagt er auch. Und lacht laut in die Kellnersonne. Die sind ja nett, aber machen arm. Und lacht vorm leeren Schlüsselbrett seines Hotels. Aber sie machen keinen Krach. wenn sie Fliegen üben und im Schneidersitz durchs alte Grandhotel hüpfen. Doch wenn sie es dann eines Nachts zu können glauben, dann machen sie die Rosen und ihre Sprunggelenke kaputt.

Die mit dem Körper eines Cello ist jünger, doch trägt die Ferne der Anderen schon im Gesicht. Sie schaut nicht einfach so ins Milchblau, sie sieht wissend in den Himmel aus Pastell. Wissend wie man sein Teil wird und durch die Wolken streift.

Sanft und dunkel lächelt sie mich zu sich, dahin, wo Yogis fliegen können.
Flieg mit mir auf den Berg gegenüber, dort wo der Jesus aus Zagreb die Mädels in den Himmel vögelt. Lass mich dort lernen, was an Dir zu lernen ist. Nimm meinen Rosenkranz in deine Hand. Flieg mit mir.

Ihre Arme schwenken weit aus. Vor, zurück, über den Kopf. Es sieht aus, wie ein ungeschicktes Hurra. Was trägt sie da? Abgeschnittene Telefonhörer? Ein indisches Gemüse? Hanteln? Sind das elfenbeinfarben gestrichene Hanteln?
Ja sie läuft, schwenkt die Arme, redet mit dem Himmel, mit dem Maharishi, der auf dem Rotstock sitzt, mit den Beinen baumelt und in den See spuckt. Trainiert sie ihr Laufen, um kräftiger für die Exercitien zu sein? Braucht sie die starken Unterarme für das Fliegen aus dem Schneidersitz? Vermittelt ihr Bizeps zwischen Newton und Maharishi?

Oder ziehen sie die Gewichte nach unten? Halten sie die Hanteln am Boden? Würde sie schon jetzt vor mir entschweben, ins Milchigblau? Noch eine Runde um mich drehen, ihre Beine um meinen Kopf legen, einfach so, während ich weiterlaufe? Oh schöner Traum verlass mich nicht. Du willst mich heben, weiten; nicht engen, binden, fesseln. Hesses Weltgeist mit wollener Taille vor mir. Sie nähme mich auf den See hinaus und flöge über die Berge in den Süden des Himmels.
Und ich? Ich fiele endlich in meinen Traum.
Den Traum vom grünen See.

Montag, 7. August 2006

Verschmierte Engel und Lichtkrebs


Cornelia Rump. Wasserpflanze. 1989


Barockengel lösen sich auf. Nur noch ihre Farben tanzen an einer Kirchendecke und formen sich neu. Das ewig Gültige bleibt. Hier grün. Vielleicht die Blätter eines Apfelbaumes. Aus dem Mark der Engel wachsen neue Stränge, Verbindungsbahnen, Transportwege, Kommunikationskanäle. Werfen sich neue Netze über das was aufgeht, wenn Engel verschmieren. Jede Farbe ist am Ende schwarz. Ein schwarzes Loch saugt sie in sich, ihr rosa Fleisch, das wir zwischen den Beinen tragen. Kaum etwas gehört so zusammen wie rosa und schwarz. Hinter glänzenden Schamlippen wartet immer das schwarze Loch in das wir sterbend stürzen, um uns für lebend zu halten. Die Balken in ihm sind aus Engelsmolekülen. Auch die Hölle ist aus Gott.



Cornelia Rump. Lichtkarzinom 2006


Alles kehrt. Die blaue Nacht nun aussen. Wie von einem Kunstmond beschienen, leuchtet, was eben noch Engel waren. Die blaue Stunde, die nicht Tag noch Nacht ist. Die blaue Stunde, wo die Kontrolle mit dem Fluss davon plätschert und Schenkel sich öffnen, nasses Engelsfleisch sich zeigt und hinüber in die Nacht genommen werden will. Dieses Blau ist so künstlich wie die meisten unserer Sentimentalitäten. Das Rosa der Engel züngelt diesmal aus der Mitte einer Explosion von Licht. Ein Urknall Reinheit breitet sich von dort, wo die Engel verschwunden sind. Als Weiss, als Licht, als die reine Idee kehren sie zurück. Und graben ihre Metastasenarme in unser blaues Glück aus Pappe. Ein Karzinom aus Reinheit frisst sich durch uns. Lichtkrebs.

Sonntag, 30. Juli 2006

Heute wird gestorben

Die Welt sind immer Netze. Das der Bürger, meint man, besteht aus Grillfesten, Geburtstagsfeiern, Hochzeiten, Patenschaften und Events. Manchmal sieht man die Wahrheit, zum Beispiel wenn gestorben wird.

Ich wohne eingebaut in Einfamilienhäuser im Anbau eines solchen, als Fremdkörper in mitten einer bekannten aber sehr fernen Welt. Um mich herum findet Leben statt, an dem ich nicht einmal als Gast beteiligt sein möchte. Gleichwohl wohne ich hier. Ganz bewusst, denn ich komme genau aus solchen Verhältnissen und die Enge der Anderen, gibt mir eine gewisse soziale Kontrolle. Natürlich wäre mir die dreiundzwanzigjährige brasilianische Nutte, die mit dem Kokshändler zum Manne, als Nachbarin auch recht. Aber eben, dann sähe mein Umfeld aus wie mein Inneres und ich hätte gar keine Abwechslung mehr.

Jetzt wird gestorben.

In dem Haus schräg gegenüber. Ich bemerke es seit Wochen, der alte Mann, der letztes Jahr noch allnachmittäglich im Wintergarten sass, fehlt den ganzen Sommer schon. Die Stühle sind nun an den Tisch geklappt oder besetzt von Gästen, die weit häufiger als sonst auftauchen. Das macht den Unterschied aus. Seit der alte Mann nicht mehr zu sehen ist, gibt es viele Gäste. Die grauhaarigen, die länger bleiben könnten Söhne sein, die jüngeren Enkel. Die gehen nach einem Nachmittag wieder. Weinend, es muss kein guter Anblick sein. Das zu diesem einsamen Haus plötzlich so viele kommen, lässt wirklich an Erbschleicherei denken. Ich weiss, dass ist eine Frechheit. Ich bin Schwein wie wir alle, nur eines das sprechen kann.

Keiner kann JETZT sterben

Das geht seit Wochen. Und plötzlich ist das Netz zwischen den Menschen hinter den Hecken zu sehen. Man besucht sich gegenseitig, bringt einen Kuchen in die Nachbarburg, ja feiert sogar leise nachts das Wiedersehen in der Fremde verschwundener Söhne dieses Hauses, die nun alle wieder eintrudeln, um die Hand ihres Vater zu halten. Plötzlich ist vor meinem Fenster zu sehen, wie eng die Bande zwischen den Menschen mit ihren Grenzen sein können.

Sterben ist anstrengend.

Besonders für die, die Überleben. Die jüngere Ehefrau des Sterbenden, die ich ein Jahr lang, wenn überhaupt, dann in ihrem Wagen auf dem Weg vor mir sah, geht nun sehr oft an mir vorbei in die Nachbarhäuser. Leicht bekleidet, denn es ist warm. Sterbezimmern flieht man. Ich bin oft und gern in ihnen gewesen. Der Tod hat eine Aura. Wenn meine Mutter nicht so gern mit Notdiensten telefoniert hätte, dann hätte ich auch meinen eigenen Vater hinüber begleiten können. So pflegte ich ihn nur und sah in immer wieder kurz davor. Hier scheint es eindeutiger zu sein. Vor meinen Augen sehe ich die Prozession an ein Sterbebett und finde das beeindruckend.

Sterben gehört zum Leben

Vielleicht deshalb küsst die Frau den Mann der mit ihr im Wintergarten Wache hält. Diese Bürger! Faustdick haben die es hinter den Ohren! So wie ich. Nur bin ich halt kein Bürger in ihrem Sinn. Ich weiss, dass ich die Treppe in den Himmel bin, nach deren letzter Stufe nur ein Abgrund kommt. Ein schwarzes Loch. Die gibt es eben auch am Himmel.

Sterben macht Angst

Mit glasigen Augen stehen Fremde vor meinen Fenstern und erzählen den Nachbarn, die auf sie warten, was sie gerade sahen. Alle scheinen sich zu kennen. Ich höre: Coma, Dialyse, Elend. Es ist fremdes Leid. Es ist fernes Leid. Und doch schreibe ich darüber.

Sterben ist ein Band zwischen Welten.

Gewoben aus feinsten Fasern des Nichts. Wie eines dieser Blockflötenstücke, die ich gerade höre. Gewoben aus nichts was Welt wäre. Ich habe keine Angst vor dem sterben, bin aber auch wegen solcher Musik froh am Leben zu sein.

Beflügelt duch verschlungenste Melodiebögen und Kreise sehe ich die bald Trauernden im Wintergarten fläzen. Oben im Sterbezimmer ist ein Fenster offen. Am Fusse seines Schwarz sehe ich etwas helles im Zimmer spiegeln. Der Tod zeigt sich. Er geht vorbei an mir, wie schon so oft.

Wie oft noch?

Freitag, 28. Juli 2006

Das letzte Gedicht einer Liebe

die sonne und das schwarze loch


du standst
in meinem
lärm und licht
so sah ich
deine strahlen nicht

und liebte
deine
dunkelheit
den starken sog
in alle zeit

wir trieben uns
durch
nächterunden
ich brannte dich
und war verschwunden

in einem
schmelzpunkt
tief in dir
du schwarzes loch
schluckst licht aus mir

und speist es
aus
an fremdem ort
du bist nicht hier
und ich nie dort

nun brennst du
loch
ich sonne frier
irgendwas ist
nicht richtig hier

mein tod
in dir
kaltes verglühen
mein staub wird stern
zum weiter ziehen.

Montag, 24. Juli 2006

WARNLEUCHTEN

an Seeufern scheinen das Zeichen zu sein. Diesmal warnten sie vor einem Sturm auf dem Zürisee, bevor ich Micha traf und seine Frau. Bevor ich seine Frau traf und Micha.

Die Natur braut sich zusammen, Winde bündeln sich zu Stürmen, wenn sich DIE Beiden ohne Boden treffen. Wir brauchen Sturm und fliegen über eure Seen. Doch es trafen sich vier und nicht zwei, was auch dazu führt, das mein Bericht nicht dieser ist.

Zwischen der letzten und dieser Begegnung muss ich gegen eine Wand gelaufen sein. Oder hindurch. Ich weiss es noch nicht. Eine Wand aus Leibern. Eine Mauer aus Körpern. Frauen haben die Tickets in Paradiese, ohne das da ein Zugang wäre. Du ziehst das Billet aus dem Schlitz und darfst dann gegen deine Wand laufen.

MAGNOLIEN - sind die Totenblumen der Dichter. Träume von ihnen sind wie ein Kastanienwald im heissen Sommer.
Nördlich der Alpen sind sie selten. Kommen nur in Wetterenklaven
vor. Dort sitzt die eine und düngt die feinen Blüten, die ihr beim Sitzen im Garten das Ohr liebkosen mit der Asche meiner Liebe, auf die die Riesenkatze scheisst.

MAGNOLIEN - sind Totenblumen. Schenkt man sie dir, ist das ein Zeichen.
Mit jeder Blüte stirbst du.
Doch sterben wir um neu zu leben. Täglich.

Samstag, 22. Juli 2006

Die Berge werden weichen und...

zerbröseln wie alte Mohnbrötchen ,

Meere verdampfen,

verwolken

um an der falschen Stelle

die dann völlig richtig ist wieder abzuregnen,



wenn sich die Giganten des Nichts treffen,

die kleinen Götter und Könige selbsterfundener Welten.



Zum dritten Mal in meinem Leben treffen ich heute den

GOTTKÖNIG EINER DYNASTIE DER WORTE

Michael Perkampus.

Aus diesem Anlass die Wiederauflage des "Protokolls" der Erstbegegnung:




DAS SÜNFZEN DER WELT

Nach dem Prellbock kommt der See.
Schienen führen auf den Grund.
Im Zug LÄRMEN Spatzen
am Ätherleib des Elefanten vorbei.
Tage werden zu Müll in der Stille des stürmischen Hafens. Alle die vor dem lagen, den wir Zäsur nennen werden. Dem Tag der Tage, Treffen der dunklen Könige auf einer Insel aus Dreck. Gold, von Fuggern gehäuft, Patriziern geharkt und Walsern ge…
Ach hör doch auf und lass den See schlucken was zu schlucken ist.

Gross und stark kommt dann was klein und fein im Bilde war. Ein kräftiger Engel, gefallen, Luzifer. ein glockenheller Alien, Goldmund. Ein Mann wie eine grosse Erektion, durch die Weiber gehend, bis hat was er sucht, Gäa, die Einzige in der er ganz verschwinden kann. Leben für den letzten Fick.

In ihren riesigen Labien, dem feucht blinkenden Rosa, das dunkler wird, näherst du Dich ihm, gründen wir die Akademie. Im Urschleim der uns warf und nimmt.
Zwischen Kommen und Gehen nisten wir in der Möse der Welt.
Göttern gleicht, was Blendwerk ist. Wir wissen das, was keiner weiss: Du bist Gott. Ja, das gilt immer. Gott ist das, was ich nicht bin. Immer Du. Immer Deiner.

Umzingelt der See von blinkendem Orange. Warnung vor dem Leben. Komm wir reiten den Wind und werden was wir sind. Wie ein Pfeil jagen über kalte Wasser, wie eine Bombe fahren in das Haus der Walser auf der anderen…
Ach lass den See schlucken was zu schlucken ist. Und Hochmut kommt vor dem Hochhuth, kommt vor dem Fall. Die Hand am Schwanz tanz ich mich in den Tod. Doch nach dir und euch anderen.

Während eine Wirtin sagt, sie würde Gott ficken, wenn sie jetzt Zeit für Dich hätte, wird klar, die Welt ist eine Kopie. Guido klingt wie Goebbels. Alle Radios in den See, die Welt wird von uns mit Schubert beschallt. Die Messen, was sonst.
AGNUS DEI - wir fressen Schweinefleisch.

Gäas Töchter bringen die Wurst. Ein Schnitzel für die Unersättlichen. Der Himmel ist nah bei der schwäbischen Küche. Was ist ein Jungschwein, weiss das Schwarzauge nicht. Durch diese Pupillen passt viel Welt. Auf diese frische Haut viele Küsse. Wächsern doch rot lebend, Brüste an denen du vergehen sollst bevor sie fallen. Der Engel zeigt ihr, wie man fällt, der Teufel weiss, auch sie wird sterben müssen um zu leben. Wie ein Mädchen läuft sie fort, rot die Backen, doch Schrecken im dunklen Leuchten, schrecken vor dem Tod den wir bringen und der sie leben lassen wird. Der Freund muss in den See, die Katzen hinterher.

Fragend zeigt sich der Engel und öffnet Herzen im Accord. Kellnerinnen, die, den Chef im Rücken, neben den Gästen sitzen und überlaufen von Dingen, die es bis eben nicht gab. Steppen willst Du? Stepp mir den Takt, wenn ich Deinen Tod singe. Lass deine Beine tanzen, wenn ich explodiere. Tanz so, wie ich schreie. Und schreie, wie ich auf dir tanze. Doch heule nicht, wenn es dem Engel reicht. Steppe deine Wut in den Bühnenboden, tanz dich in die Unterwelt, weine mit den Beinen und triff uns wieder in Gäas Löchern. Reite auf meiner Rakete durch sie.

Die Flaschen stehen auf dem Altar, im Tabernakel ein Single Malt. Lass uns die heilige Messe feiern. Ich füll dir den Kelch und stopf Dir das Maul mit Hostien. Für Momente ahnt die Welt, was auf sie zukommt. Sie lacht zu laut, sie spricht zu schnell und will mit Gier in ihren eignen Schlund, der wir sind.

Die Welt frisst sich selbst durch uns.
Gemästet stehen wir an albernen Gestanden und rülpsen ein Duett in Eimer.
Das Sünfzen der Welt.

Sonntag, 9. Juli 2006

In manchen Nächten 2

In manchen Nächten
Treffe ich mich
Im Anderen
Der sich selbst verlässt
Um zu mir zu kommen.

Während wir uns tauschen
Spielen die Hüllen
Bis es schreit und spritzt.

Mittwoch, 5. Juli 2006

DAS FLUTEN

Ozeane drängen

Von den Rändern

Alle Wasser fallen

Aus den Himmeln

Über meinem Kontinent

Strömt es

Flutet breit

Füllt Krater und

Stürzt in Risse

Im trockenen Boden

Schwemmt den Staub

der Wüste

Auf und

Verschlammt sie

Zu dem was sie war

Bevor sie unter Sonne starb


Ein Meer

An dessen Massen

Nur ein Mond zieht

Ein kalter

Blauer.



No More Orange!

Dienstag, 4. Juli 2006

Eine Freundin, die mir im Herzen liegt

schreibt das:


Fliegende Schatten

Stumm bläht der Mond die Segel der abendlichen Sphäre. Klar liegt das lichte Vergehen des Tages über dem Halb des blassen Kreises. Darunter wächst das Dunkel über das nahe Wasser in Baumkronen, weiter nach oben, zu den fliegenden Schatten.

Für sie ist die Stille zweckmäßig, da sie so ihre Beute schneller finden können. Doch nicht nur in der Nacht halten sie Ausschau. Sie fangen auch die, die am Tag schweigend verharren. Diese Gefangenen der Zeit sind eine leichte Beute, da sie nicht mehr das Wissen des Entkommens verfügen.

Sie haben das Warten aufgegeben, und kennen nicht mehr den Unterschied der Stunden. Sie klammern sich nicht mehr an Hoffnungen und augenscheinliche Vertröstungen. Sie glauben weder an das Danach noch an das Davor. Ihr Blick ist einspurig, verschränkt, auf das Nichts gerichtet. Ihre Bewegungen verlaufen verlangsamt, ungelenk, ungesteuert, bis sie schließlich gänzlich erstarren. Ihre Stimme ist ungeübt, da ungenutzt. Sie verlieren Worte, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ausgesprochen werden.

Die fliegenden Schatten setzen sich in ihren Nacken und saugen ihnen schließlich die noch verbliebenen letzten Energiereserven aus. Denn schmerzhaften Biss spüren sie nicht, denn sie haben verlernt die Signale ihres Körpers zu deuten.

Haben die Schatten sich satt getrunken, lassen sie zunächst von ihrem Opfer ab, denn sie wissen, dass ihre Nahrungsquelle sich wieder mit Energie aufladen wird. Danach können sie wieder zuschlagen. Einzig, die Beute hat keine Klarheit über ihren Zustand, denn die Schatten vermeiden es tunlichst ihr Opfer so weit zu Kräften kommen zu lassen, dass es sich an den vorherigen Status erinnern könnte.

Fast blind und stumm werden sie sich nicht zur Wehr setzten. Letztendlich sind sie nicht unzufrieden mit ihrem geleugneten Schmerz. Sie sitzen, rauchen, trinken Rotwein und starren mit kalten Augen endlose Löcher in die unvergängliche Zeit.

Melisande - Zirkonia - Conny


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